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Über die Zeidlerei

10
Aug

Über die Zeidlerei

Das Sammeln des Honigs wilder Bienen durch den Menschen ist für die Zeit seit 9000 Jahren belegt. Die Imkerei hat auch in Europa eine lange Tradition und ist vor einigen hundert Jahren noch als „Zeidlerei“ bekannt. Sie beschreibt das gewerbsmäßige Honigsammeln von wilden oder halbwilden Bienenvölkern. Bereits im Mittelalter wurde diese Tätigkeit auch in Deutschland ausgeübt. Zeidler sind also Imker, auch wenn sich ihre Methoden zu der heutigen Bienenhaltung mitunter erheblich unterscheiden. Inzwischen gibt es wieder Bestrebungen, diese Form der Honigernte auch in Deutschland wieder aufleben zu lassen.

Typische Vorgehensweise der Zeidler

Der Begriff des Zeidlers (oder Zeitlers) bezeichnet einen besonderen Beruf des Honigsammlers, wie er sich in Europa seit dem Frühmittelalter ausgebildet hat. Der Zeidler hielt, anders als der Imker im heutigen Sinne, die Bienen nicht in gezimmerten Bienenstöcken oder Bienenkörben. Man schlug in alten Bäumen künstliche Höhlen (sog. „Beuten“) in etwa sechs Meter Höhe ein und versah den Eingang mit einem Brett, in das ein Flugloch eingebracht war. Ob eine Beute von Bienen beflogen wurde oder nicht, hing ganz vom natürlichen Umfeld ab und wechselte jedes Jahr. Häufig wurden die künstlich geschaffenen Baumbienenwohnungen von schwärmenden Bienen besetzt oder der Zeidler brachte selbst einen Schwarm hinein. Neben der Waldbienenpflege wurde auch Bienenfang betrieben. Die Zeidler durften wilde Bienen fangen und im Wald schwärmen lassen. Zur Erntezeit wurden die Beuten geöffnet, um Honig und Wachs zu entnehmen. Für ihre Arbeit benötigten die Zeidler ein Beil und ein Kletterseil.

Das Anlegen der Beuten führte oftmals zum Absterben der Bäume, da man die Bäume entwipfelte, um dem Windbruch vorzubeugen. Das aber führte zu großen Verlusten des Baumbestandes. Zwar gab es auch die Heimbienenhaltung, in denen Bienen in eigens für sie gebauten Stöcken auf Bauernhöfen lebten. Doch konnte sich diese Form der Bienenhaltung auf Grund der großen Bedeutung der Waldbienenhaltung in den großen Wäldern damals noch nicht etablieren.

Historische Darstellung der Waldimkerei aus
Adam Gottlob Schirachs
Wald-Bienenzucht von 1774

Zeidlerei in Deutschland

Überaus günstig, wenn nicht sogar Voraussetzung für die Zeidlerei, waren Nadelholzgebiete. Wichtige Standorte waren im Mittelalter Gebiete im Fichtelgebirge und im Nürnberger Reichswald. Der älteste Nachweis eines Zeidlers in Bayern stammt aus dem Jahr 748 und dokumentiert diesen Beruf am Donauufer und in Schwarzach. Karl der Große förderte in jener Zeit die häusliche Bienenhaltung: Die Bienen gehörten dem Kaiser, die Nutzungsrechte an ihren Produkten jedoch überließ dieser den Zeidlern. Ebenfalls in Bayern ist die Waldbienenhaltung bereits für das Jahr 959 in der Gegend von Grabenstätt nachgewiesen. Aber auch auf dem Gebiet von Berlin gab es eine ausgedehnte Zeidlerei, insbesondere im damals noch viel größeren Grunewald. Vor allem aber im Nürnberger Umland gibt es heute noch zahlreiche Hinweise auf das dort ehemals blühende Zeidlerwesen – wie z.B. das Zeidlerschloss in Feucht. Der Honig war wichtig für die Nürnberger Lebkuchenproduktion; der Nürnberger Reichswald (des “Heiligen Römischen Reiches Bienengarten”) lieferte genug davon.

Honig aus der Waldbienenwirtschaft

Im 10. Jahrhundert wurde der Honig hauptsächlich aus der Waldbienenwirtschaft gewonnen. Er stellte damals die einzige Quelle für Süßstoff dar. Die Biene war vor Einführung des Rohrzuckers von ganz zentraler Bedeutung. Bienen lieferten das Süßungsmittel Honig, darüber hinaus Wachs als eine verbesserte Grundlage zur Beleuchtung und Basisstoffe für die Medizin, etwa Propolis, Honig und Gelee royale.

Der Zeidler entwickelte die Bienenwirtschaft durch eine planmäßige Weiterentwicklung der Waldbienenhaltung. Neue Nistplätze wurden für die Bienen angelegt, die Anzahl der Bienenvölker dadurch vermehrt und der Ertrag gesteigert. Der Bienenstock war in der Regel in hohlen Bäumen im Wald untergebracht, bis zu mehrere Meter hoch, und wenn möglich, mehrere übereinander. Wenn ein Zeidler im Wald ein wildes Bienenvolk fand, durfte er in den zugehörigen Baum sein Zeichen einschlagen. Danach durfte der das Volk nutzen.

Privilegien der Zeidlerei

Die Zeidler hatten schon im 11. und 12. Jahrhundert ein gewisses Pfändungs- und Rügerecht, waren also in den Rang niederer Waldbeamter erhoben worden. Außer dem Forstmeister und den Patrizierfamilien, Waldstromer und Koler durften nur die Zeidler Honigwirtschaft betreiben. Die Zeidler waren formal den Erbförstern gleichgestellt. Sie waren freie und unabhängige Lehensleute. Dem Kaiser waren sie zu Kriegsdiensten verpflichtet.

Zeidler-Darstellung mit Armbrust am Sitz des Deutschen Imkerbundes in Wachtberg

Schon seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Rechte und Pflichten der Zeidler in dem großen Privileg Kaiser Karls IV. zusammengefasst. Ihre Eigenschaft als Bienenzüchter wurde beschrieben und ihre Funktion als Zeidler ausdrücklich von anderen Berufsgruppen abgegrenzt. Sie waren beispielsweise neben den Förstern allein berechtigt, in den Nürnberger Wäldern Bienen zu halten. Alles hierzu nötige Holz, ebenso das Bauholz für ihre Wohn- und Wirtschaftsgebäude, musste ihnen unentgeltlich überlassen werden. Sie waren in allen Städten des Reiches zollfrei.

Für ihre Güter mussten sie seit 1427 ein gewisses Quantum Honig, später eine Vergütung in Geld, das so genannte Honiggeld, bezahlen. Im Jahr 1606 mussten von Zeidlern im Lorenzer Wald zum Beispiel 411 Maß (1 Maß = 1,069 Liter) Honig erbracht werden, was einem Wert von 40 Gulden, sechs Pfund und 20 Pfennigen entsprach. Die Zeidler bildeten Zünfte mit bestimmten Rechtsbräuchen, die in Form der ”Zeidelweide” Niederschlag in Zeidelordnungen (etwa bis ins 16. Jahrhundert im Markgraftum Bayreuth) fanden.

Das wichtigste Privileg der Zeidler war ihre eigene (niedere) Gerichtsbarkeit. Sie war im Nürnberger Reichswald notwendig geworden, weil die intensive Nutzung sehr zu Lasten des Waldes ging:
Die Anwohner trieben ihre Schweine zur Fütterung in den Wald. Nürnberg bezog sein Brennholz daraus. Diese Nutzung ging so weit, dass Kaiser Karl IV. sich nach seinem Satz ”Mein Wald geht mir vor die Säue” zu einer Regelung des Gebrauchs genötigt sah.

Er legalisierte die Aufforstungsversuche der Nürnberger Familie Stromer (später ”Waldstromer” genannt). Dies waren gleichzeitig die Vorboten der heutigen Monokultur an Föhren im ”Reichswald” um Nürnberg. Darüber hinaus übertrug er dieser Familie ”waldpolizeiliche” Ordnungsaufgaben.
Im Zuge dieser Neuorganisation versah Karl IV. die Zeidler mit dem umfassenden Privileg von 1350.
Bereits 1296 lässt sich für die Zeidler in Feucht die eigene Gerichtsbarkeit und ein eigener Zeidelmeister nachweisen.

Im 13. Jahrhundert war das Zeidelwesen voll ausgebildet. Die Zeidler hatten ihren eigenen Gerichtsstand. Ihr Gericht hatte seinen Sitz in Feucht. Die reichsunmittelbare Privilegierung durch König Karl IV. wurde in seinem ”Zeidel Fryheit Brieff” aus dem Jahre 1350 niedergeschrieben. Die Zeidler wurden mit der eigenen Gerichtsbarkeit belehnt. Den Vorsitz im Zeidlergericht führte ursprünglich der von den Zeidlern gewählte Zeidelmeister, später der Waldamtmann. Das Gericht bestand aus Oberrichter, Unterrichter, Schöffe und Ratsschöffe, den Vierern, den Waldherren und dem Waldamtmann.

Als äußeres Zeichen dieser Privilegierung führten ihre Vorsteher (Starosten) einen weißen Stab. Die Zeidler erhielten die in den damaligen Wäldern durchaus nötige Erlaubnis zur Führung einer Waffe, der Armbrust, und trugen eine spezifische grüne Tracht mit der typischen langen Zipfelmütze. Als Gegenleistung mussten sie den Kaiser sicher durch den Nürnberger Reichswald geleiten, einige Zentner Wachs pro Jahr an den Stephansdom in Wien liefern und einige Dinge mehr.

Im Hochmittelalter gab es in jedem Dortf ein Ortsgericht, in dem der jeweilige Grundherr als Richter Recht sprach. In Feucht war es die Ministerialenfamilie der Feuchter. Es ist aber anzunehmen, dass bereits 1470 das Ortsgericht Feucht nicht mehr existierte, sodass das Zeidelgericht auch allgemeines Ortsgericht geworden ist. Gewöhnlich tagte das Zeidelgericht dreimal im Jahr. Im 17. und 18. Jahrhundert tagte es nur noch selten. Die letzte Sitzung fand 1779 statt.

Der Hauptgrund für diesen Rückgang lag im Niedergang der Zeidlerei sowie der weitgehenden Überschneidung rechtlicher und sachlicher Zuständigkeiten des Zeidelgerichts mit denen des Forstgerichts Lorenzi bzw. des Land- und Bauerngerichts in Nürnberg. Dazu kamen die hohen Kosten, die mit der im 16. Jahrhundert sehr aufwendigen konstituierenden Eröffnungssitzung verbunden waren.
Die preußischen Behörden hoben schließlich das Zeidelgericht 1796 auf. Interessanterweise wurde dass Privileg (das Zeidelrecht) nie eigens aufgehoben. Ein rechtlicher Nachhall dieses Privilegs findet sich im Bürgerlichen Gesetzbuch mit seinen Bienenparagraphen.

Niedergang der Zeidlerei

Seit der Antike war Honig ein wichtiges Handelsgut. Die Römer nutzten Kerzen aus Wachs für ihre religiösen Feste und später die Kirche ebenso bei zahlreichen Zeremonien. Als der Bedarf an Bienenwachs für die Beleuchtung in Burgen, Kirchen, Klöstern und Städten in Europa stark anstieg, bekam die Zeidlerei erst recht enormen Auftrieb. Es wurde vermehrt Wachs produziert, während Honig eher zu einem Nebenprodukt geworden war.

Im Zuge der Reformation wurde von den Kirchen dann aber wieder weniger Kerzenwachs benötigt. So begann der schleichende Niedergang der Zeidlerei. Zeitlich verlief er in Europa von West nach Ost. Ein weiterer Grund für den Niedergang war die Einfuhr von Rohrzucker. Der war zwar im 17. Jahrhundert noch so teuer, dass ihn sich nur reiche Leute leisten konnten. Aber mit dem Anbau von Zuckerrüben im 19. Jahrhundert änderte die Situation der Zeidlerei endgültig und grundlegend.

Ausgenommen waren die Gebiete der Lausitz, des Baltikums und Russland. Hier konnte sich die Waldimkerei noch bis ins 19. Jahrhundert als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor halten. Heute ist die Zeidlerei, zumindest in Deutschland, als Wirtschaftsfaktor völlig bedeutungslos. Im Rahmen des Naturschutzes gibt es nunmehr in Mitteleuropa wieder vereinzelte Versuche, Bienenvölker im Wald anzusiedeln und die Zeidlerei wieder aufzunehmen.

Zeidlerei heute – vereinbar mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Die Waldbienenzucht in lebenden Bäumen und Klotzbeuten ist Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend aus Europa verschwunden. Überlebt hat die traditionelle Technik im Shulgan Tash Nature Reserve im südlichen Ural in Russland. Dort wurde man im Rahmen eines vom DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) finanzierten WWF Projektes mit der Methode vertraut und beschloss, die traditionelle Zeidlerei nach Polen zurückzubringen. Daraus resultierten, verteilt in Zentralpolen, über 100 Zeidlerhöhlen in lebenden Bäumen und Klotzbeuten. Die eingenisteten Bienenvölker werden seither erfolgreich durch lokale Imker betreut. 2014 gelang das Comeback dieses Wissen mit WWF und einem Intitialkurs des Vereins ”FreeTheBees” (André Wermelinger) in die Schweiz und nach Deutschland.

Die Wiederentdeckung des alten Zeidlerhandwerks in Verbindung mit den neuesten Forschungserkenntnissen über das Leben der Honigbiene, bestätigt: Diese ursprüngliche Art des Imkerns entspricht am ehesten den von Honigbienen selbst gewählten Bedingungen in natürlichen Baumhöhlen. Diese Naturbehausungen fördern nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Honigbienenforschers und Imkers Thomas D.Seeley, die Schwarmintelligenz, ihre Genetik, die natürliche Selektion, sowie die Varroatoleranz bei frei lebenden Bienenvölkern. Leider überleben die meisten Bienenvölker aufgrund der aus Asien eingeschleppten Varroamilbe den ersten Winter nicht.

Zweck und Beweggründe für die heutige “moderne Zeitlerei” sind deshalb weniger in einer zeitgemäßen Imkerei zu finden, sondern vielmehr in der:

  • Forschung und Erforschung der ursprünglichen Lebens- und Verhaltensweise der Honigbiene durch Wissenschaftler und durch wissensdurstige und “naturverbundene” Biologielehrer, Imker und Bienenhalter
     
  • Repräsentation von Bienenmuseen, von Bieneninstituten und von Imkereien und Imkerhandel mit Hilfe einer Klotzbeute als Publikumsmagnet
     
  • Freizeitgestaltung analog den Hunnenhorden und Mittelaltervereinen.

Der Imker aber sollte sich bei all seinem Tun stets vor Augen halten: Der Bienenhalter selbst lechzt nach dem neuesten Auto, nach der modernsten Wohnung, nach den modernsten und besten Gerätschaften. Warum also sollen seine Bienen zurück in urzeitliche Zustände?

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